…Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr, da ja nichts
Mir fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesanges nach mir auch.
(Bertolt Brecht, 1956)

RE.F.U.G.I.U.S trauert:
Erich Kovacs 1945 – 2022

Er hat sich nie in den Vordergrund gedrängt, nie große Worte gemacht oder gar die Diskussion an sich gerissen. Aber man konnte auf ihn zählen, wenn es zur Abstimmung kam.
Seine Stimme machte er geltend, er gab sie ab, sie hatte Gewicht. Denn Erich war ein Mann, der zu seinem Wort stand. Was man mit ihm vereinbarte, hielt. So hatte er es gelernt von Jugend an, von den Eltern und Verwandten, und ihren zutiefst politisch geprägten Lebenswegen. Es waren die Lebenswege hart arbeitender Menschen, aber Arbeit stand in einem größeren Kontext: es war täglich und beharrlich Arbeit, Einsatz und Kampf - um ein besseres Leben, besseren Lohn, bessere Arbeitsbedingungen.
Erich war Kommunist seit Kindheit und blieb es. Aber Parteidogmatik war seine Sache nicht. Erich stritt mit seinem Herzen für die Sache, er setzte seinen Kopf ein: aber wenn ich an seine Hände denke, diese großen, schweren und gleichzeitig ausdrucksvollen Hände, dann scheint mir fast: durch seine Hände hindurch ging der Weg der Analyse. Von den Umständen, die er vorfand, über die Tätigkeit, bis zur Beurteilung des Resultats.
Ja, Erich konnte mit den Händen denken. Aber auch noch so einiges - nämlich: tun.
Konsequent setzte er seine Kompetenz und Arbeitskraft jahrzehntelang auch für RE.F.U.G.I.U.S. ein, am Kreuzstadl bei Wartungsarbeiten sowie bei technischen Aufgaben und Vorbereitungen aller Art.
Unser Verein ist und bleibt Erich dankbar verbunden und wird ihn schmerzlich vermissen.

Max Wachter – Gründer der legendären „Uhudla“-Zeitung, der ersten ihrer Art in Österreich – hat als enger Freund von Erich einen ebenso informativen wie persönlichen und stellenweise heiter lächelnden Nachruf auf ihn verfasst: wir könnten das nicht besser, freundschaftlicher wiedergeben.
https://uhudla.at/2022/11/24/roter-werkmeister-mit-herz-und-verstand/

Ich selbst erinnere mich besonders an Erichs persönliche Erzählungen aus seiner Familie, die er mit seiner vollen und warmen Stimme aus dem Gedächtnis holte. Seine Frau Olga sagte im Gespräch zu unserem Vereinsmitglied Eva Schwarzmayer:
„Er war so ein guter Mensch. Gibt nicht viele so gute Menschen.“

Dem ist, an diesem Endpunkt, nichts Schöneres hinzuzufügen. Unser Mitgefühl gilt seiner Olga, mit der ihm noch viele, schöne, späte Tage gegönnt waren, seinen Kindern und seinem Bruder Heinz. Gute Fahrt, Erich. Du bleibst festgeschrieben, im RE.F.U.G.I.U.S - Gedächtnis, und am Gedenkort Kreuzstadl, den du mitgestaltet hast.

Paul Gulda, Vorsitzender, im Namen der Vereinsmitglieder


 

In Kooperation mit „weiterspielen. productions“ kbk (Kultur-Bildung-Kunst) und RE.F.U.G.I.U.S.
„Rechnitz - Der Würgeengel“
mit Isabelle Menke
/Foto Plakat/
aufgeführt in der restaurierten Synagoge Kobersdorf (15.09.2022)
und
im OHO Oberwart (16.09.2022)

Elfriede Jelinek (Text) – Leonhard Koppelmann (Regie) - Roland Koberg (Dramaturgie)

In „Rechnitz (Der Würgeengel)“ haben die Boten das Wort. Sie berichten - mal im Rückblick wie Zeugen, mal live wie bei einer Mauerschau – von einem Massaker und seinen Folgen, geschehen in den letzten Kriegstagen 1945 an der österreichisch-ungarischen Grenze. Die Gräfin Margit von Batthyany hatte auf Schloss Rechnitz die lokalen SS- und Gestapo-Männer zu einem so genannten Gefolgschaftsfest eingeladen. Zeitgleich wurde eine Massenerschiessung beim nahe gelegenen „Kreuzstadel“ vorbereitet. 180 jüdische Zwangsarbeiter, die für die Deportation ins Landesinnere zu entkräftet waren, wurden schliesslich von einer Gruppe Festgäste erschossen. Schon wenige Tage später brannte Schloss Rechnitz und die Gräfin floh vor der Roten Armee mit zwei Begleitern, dem SS-Ortsgruppenführer Podezin und dem Schlossverwalter Oldenburg. Ihr Ziel: die Schweiz, namentlich die Villa Favorita am Luganer See, wo Margits Bruder Heini Thyssen lebte, mit den Nazis Geschäfte machte und Kunst sammelte. Die Boten bleiben zurück und mit ihrem Wissen allein, in Umkehrung von Bunuels Film „Der Würgeengel“, wo es die (Dienst-)Boten sind, die die Herrschaft im Stich lassen. Aber berichten die Boten auch die Wahrheit? Oder ist ihr vielstimmiges Sprechen ein gigantisches Um-den-Brei-Herumreden, also Schweigen?
Elfriede Jelinek lässt in ihrem Stück viele Quellen ineinander fliessen. Es sprechen Zeitzeugen, wie sie in den Rechnitz-Prozessen der Nachkriegsjahre ausgesagt haben; Dorfbewohner und ehemalige Dienstboten, wie sie in Eduard Ernes und Margareta Heinrichs Film „Totschweigen“ aussagen (und Wesentliches wie die Grabstelle ver- bzw. totschweigen); antike Boten, die aus den „Bakchien“ entsprungen sein könnten; ein aufgeklärter deutscher Bote von heute, der über unseren „Sündenstolz“ nachdenkt; schliesslich spricht der „Kannibale von Rotenburg“ erweitert die Formen des Menschenfressertums. In der Aufführung des Schauspielhauses steht eine Botin stellvertretend für alle. Eine Zofe ohne Herrin? Die Herrin als Zofe? Ihre Spurensuche führt das Publikum an einen unbekannten Ort.
weiterspielen.productions


Das Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ ist keine leichte Kost…Schauspielerin Isabelle Menke berichtete von den grausamen Ereignissen – in unterschiedlichen Rollen und Blickwinkeln. Sie hatte den Theatertext zuvor mehr als 100-mal vorgetragen, noch nie aber – wie in Kobersdorf – in einer ehemaligen Synagoge. „Ich hatte natürlich riesigen Respekt vor diesem Ort“, sagte die Künstlerin: „Und dass man manchmal den Finger in die Wunde legen muss, auch wenn das eigentlich nicht erträglich ist.“
ORF-Burgenland-Heute /Bettina Treiber

Die Autorin hat das Stück mit dem Titel „Rechnitz – Der Würgeengel“ für fünf Schauspieler konzipiert. Die gedachten und gesprochenen Erinnerungen von Zeugen fließen ineinander und ergeben doch keine klaren Aussagen. Unaussprechliches wird verdrängt und verschwiegen.
Regisseur Leonhard Koppelmann bringt Jelineks Text als Ein-Personen-Stück auf die Bühne. Isabelle Menke übernimmt in wechselnden Kostümen alle Rollen - eine zweistündige "tour de force" und eine beachtliche Leistung. Allerdings gerät die Aufführung dadurch etwas eindimensional.
mein.bezirk.at / Otto Krcal


„Als Gedenkinitiative freuen wir uns ganz besonders, dass man an dieser Stätte das Geschehen in dieser Nacht in Rechnitz für das Publikum nachvollziehbar gestalten kann – mit dem Text von Elfriede Jelinek, die auch gesagt hat, dass sie sich sehr freut, dass ihr Stück zum ersten Mal im Burgenland gespielt wird.“
Paul Gulda, Vorsitzender RE.F.U.G.I.U.S.


Erstmals wurde vom Land Burgenland der Simon Goldberger Preis - im Gedenken an den letzten in Kobersdorf wirkenden und im KZ ermordeten Rabbiner Simon Goldberger - für Gedenk- und Erinnerungskultur vergeben. Die Verleihung fand am 21. September 2022 im Rahmen einer Wissenschaftsgala in der restaurierten Synagoge Kobersdorf statt.

/C. Prutscher/ Foto W Reiss

Die Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Claudia Prutscher würdigte in ihrer Laudatio das seit drei Jahrzehnten konstante Engagement der Gedenkinitiative REFUGIUS, die viele Impulse in der Erinnerungsarbeit gesetzt hat.

/Foto Vorstand / Foto Jennifer Priedl

Paul Gulda, Horst Horvath, Claudia Prutscher (Vizepräsidentin Israelitische Kultusgemeinde Wien), LR Mag. Heinrich Dorner, Christine Teuschler, Walter Reiss, Michael Achenbach, Wolfgang Horwath