Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
ohne Grund weint in der Welt,
weint über mich.

„An dem Ort, wo am meisten über die Verbrechen geschwiegen wurde, dort wird,
wie durch eine Fügung, bis heute am meisten dessen gedacht und darüber gesprochen.“
(Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Rede beim Kreuzstadl Rechnitz, 2012)

„Im Talmud-Abschnitt Pirkei Avot/Sprüche der Väter steht geschrieben: Wir werden die Aufgabe vielleicht nicht vollbringen, aber wir haben nicht die Erlaubnis, uns ihr zu entziehen.“
(Oberrabbiner Arie Folger im Gespräch, Rechnitz 2018)

Die jährliche Gedenkfeier am Kreuzstadl musste heuer abgesagt werden, trotzdem soll der Termin, 75 Jahre danach, nicht einfach vorbeigehen. Im Namen des Vereins RE.F.U.G.I.U.S. hier einige historische wie aktuelle Gedanken, aus persönlicher Sicht zusammengefasst von Paul Gulda.

Heute würden wir in Rechnitz mit einer Gedenkfeier an eines der schlimmsten Kriegsverbrechen auf österreichischem Boden erinnern. Aus dem Burgenland, aus Ungarn, aus Wien und darüber hinaus würden davon Betroffene, betroffen Gemachte teilnehmen. Die herrschende Corona-Krise erzwingt, dass wir dies nicht vor Ort, sondern im größeren, virtuellen Raum tun.
Wie immer gilt unser erster und ernster Gedanke den 180 Opfern des Massakers, sowie gleichzeitig allen anderen Opfern des Südostwallbaues und ihren bis heute trauernden Angehörigen. Ehre sei ihrem Andenken! Béke hamvaira! Baruch ha-Shem dayan ha-emet!

Unser Gedenken ist das Mindeste, das wir für sie tun können. Ihr Grab zu finden, einen Stein darauf zu setzen, wäre das Beste, das uns darüber hinaus gelingen könnte und möge. Mehr ist hier nicht zu leisten, wohl aber zu denken und zu erinnern, klarzumachen.

Es mag vermessen erscheinen, zwischen dem Horror der Shoah und des Zweiten Weltkriegs einerseits und der aktuellen Krisensituation andererseits Parallelen und Gemeinsamkeiten aufzuspüren. Intellektuelle Akrobatik, zwanghaftes Suchen nach Vergleichen wäre eitel, und geradezu abstoßender Missbrauch.
Gewaltsamer Tod, trostloses Sterben trifft die Opfer alleine, einsam, jedes Leid ist einzig und gehört dem Leidenden selbst, niemandem sonst.
Opferzahlen aufrechnen, Gestorbene oder “nur” Traumatisierte, Trauernde, Gebrochene zu zählen: das ist herzlose Statistik und entspricht nicht. Opfer sind nicht vergleichbar.

Es erscheint uns angemessener und dringlicher, auf die gemeinsamen Voraussetzungen dieser beiden - und mancher anderer - Menschheitskatastrophen einzugehen. Vielleicht kann dies ein wichtiger Hinweis sein, eine Hoffnung auf Abwendung des Schlimmsten.
Seit meiner Kindheit begleitet mich eine Schallplatte aus der Sammlung meiner Mutter Paola Loew. Das Cover ist einprägsam, eine schwarze Hand mit abwehrend weit gespreizten Fingern,auf grellrotem Hin-tergrund. Der Shoah-Überlebende Marcel Faust produzierte sie. Titel: 31. Dezember 1932, Nachtausgabe. Sie versammelt Tondokumente aus den letzten Jahren vor der NS - Machtübernahme. Eine Rede von Hitler steht neben leichtfertig-frivolen Chansons aus Berlin, das Horst Wessel-Lied neben Chören der Arbeiterbewegung, Zarah Leander neben Ernst Busch. Eine eindrucksvolle Zusammenstellung, sie war bei einschlägigen Arbeiten unschätzbar hilfreich.

Nicht der ausgebrochenen Katastrophe gilt unser Vergleich, nicht den tragischen, vermeidbaren Opfern der letzten Kriegsmonate. Unser Vergleich gilt dem Vorabend. Denn was wir jetzt sehen, ist nur das - trotzdem schon opferreiche - Vorspiel. Corona wirkt als Bote und Vorbote viel schlimmerer Nachrichten. Dabei müssen wir wissen, dass von Experten gewarnt wurde. Bill Gates hat in einem TED-Talk 2015, nach Ebola, die nächste Pandemie bis ins Detail vorausgesagt.

Was also, fragen wir, wird man in einigem Abstand an Tondokumenten aus den frühen Monaten des Jahres 2020 als repräsentative Auswahl heranziehen? Vorausgesetzt, die Zeitläufte lassen einen solchen ungeschön-ten Rückblick überhaupt zu? - Bedenken wir: Herrscher und Diktaturen pflegen ihre Archive nicht freiwillig und erst spät zu öffnen.

Man wird die verzweifelten Appelle italienischer, amerikanischer, inzwischen auch österreichischer ÄrztInnen und PflegerInnen um ausreichend Material hören. Die frustrierten Hilferufe ganzer Wirtschaftszweige um Auffangmaßnahmen.
Unverzichtbar das plumpe Satyrspiel einer Pressekonferenz im Weißen Haus, mit einem Horror-Clown („Jo-ker“) als Protagonist. Die martialischen Reden nationalistischer Autokraten, die Überheblichkeit kultivierter Abendländer gegen massenhaft Mäuse essende Chinesen.
Die staatstragende Entschlossenheit einer österreichischen Regierung, Ministranten in einer internationalen schwarzen Messfeier namens Austerität, deren Hohelied noch bis in die jüngste Zeit gesungen wurde. Die Stimmen der Experten, Meinung gegen Meinung, Renommée gegen empirische Zweifel. Die Predigten aller Religionen, einschließlich der feelgood-Entschleunigungs-Umkehr-Propheten und Philosophen.
Vielleicht die leisen Töne der Warner.

Und natürlich Musik. Um zu trösten, zu betäuben, um ein wenig Kleingeld zu verdienen, wie einst die Ausgesteuerten in den Höfen der Wohnhäuser. Manche mögen sogar hoffen, ihr Beitrag möge viral werden.

Beethoven als Religionsersatz, „Der liebe Augustin“ aus der Pestzeit, der Gefangenenchor von Verdi, per Internet aus den Wohnzimmern der Choristen, allerlei Satirisches über Toilettenpapier, und vielleicht ein Stück Wahrheit von Bach: der Choral „Alle Menschen müssen sterben”.
Wunderbare, tröstliche, aufmunternde, geistreiche, oft brandaktuelle Musik, die aber vieles übertönt. Übertö-nen will?
Das Stöhnen von Angst und Wut, das Röcheln der Kranken, das Schweigen in Isolation und Trauer. Und das Lachen der Gewinner, der Hedgefonds-Manager, die in der Krise Milliarden machen. Der Vertreiber von Be-atmungsgeräten und Pharmaka, welche sich über Nacht zwanzigfach verteuern. Das satte Lachen derjenigen, die sich’s rechtzeitig gerichtet haben. Karl Kraus hat das ewiggültig beschrieben, in den „Letzten Tagen der Menschheit“. Ja, 1913 war auch nur in Details anders.

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
ohne Grund lacht in der Nacht,
lacht mich aus.

Wie aber bekommt man die vielen Menschen so weit, sich dieser Kakophonie auszusetzen, den warnenden Instinkt abzuschalten, ins Unheil zu marschieren, diszipliniert oder sogar zustimmend?
Das Rezept lautet, schnell aufgeschrieben:
Never let a good crisis go to waste. Ja, Corona tötet. Aber wen und wie viele? Stimmen die Zahlen aus Chi-na? Wer hört auf Taiwan? Wie viele Menschen würden im selben Zeitraum an hohem Alter sterben? Ich ver-kenne die Gefahr nicht, die Reaktionen der Regierungen sind nachvollziehbar. Aber vor welchem Hintergrund sind sie entstanden?
Verwirrung durch widersprechende „Informationen“. Gezielte Desinformation, genannt Fake News. Wahrheit kann jederzeit als Fabrikation oder Verschwörungstheorie denunziert werden.
Fallzahlen werden gierig verfolgt, andere Relationen - bewusst? - verunklart. Man bagatellisiere diese, drama-tisiere jene Nachricht: dadurch wächst Leichtgläubigkeit für süße Lügen, Unglauben gegen die Zeichen an der Wand und die Warner. Man bereite durch teuer produzierte Illusionen auf das Szenario vor: Game of Thrones, Contagion, Pandemic.
Ja, Wirtschaftskrisen und gar -kriege führen zu Unsicherheit und Elend. Aber wie werden sie erzeugt, wer befeuert sie?
Unverzichtbar sind Feindbilder, gerne auch mehrere und wechselnde. Chinesen, Radfahrer, Flüchtlinge, Ju-den, Iraner, Lateinamerikaner, diverse Geheimbünde.
Man verspricht eine neue, bessere, bequeme, moderne, friedliche und lukrative Neue Ordnung. Die Digitali-sierung der Welt muss schnell vorangetrieben werden, 5G, Breitband, Home Office. Was das alles wieder einspart, epochal!
Und wenn Propaganda und Lockung nicht genügen, bleiben die Strafen: ab 300.- € derzeit in Wien für verbo-tenes Betreten eines Geschäftes, nach oben offen bis zum Ruin. Wer den Schaden hat, braucht für die Stra-fe nicht zu sorgen. Noch drastischere staatliche Repression wird vermieden oder für den Notfall aufgespart. In Indien wird Brechen der Ausgangssperre, mangels Liquidität der Ertappten, umgehend mit Stockschlägen bestraft.

Es ist in diesem Rahmen nötig, manchen Gedankengang abzukürzen, zugunsten der eigentlichen These. Was hinter all diesen Erscheinungen steckt, darf als bekannt vorausgesetzt werden.
Es ist der schrankenlos entfesselte, internationale und hochmobile Kapitalismus. Seit 1989, dem Zusammenbruch eines gescheiterten Staatssozialismus, feiert er eine berauschende Siegesparty.
Dieser triumphierende Kapitalismus wird mit wechselnden Etiketten behübscht bzw. politisch etikettiert: Neoliberalismus, Autoritarismus, Theokratie mit Ölmillionen, national eingefärbter „Sozialstaat“. Die Liste ist fort-setzbar.

Wohlverstanden: ohne Ökonomie, Erzeugung, Aufsparen, Sammeln, Tauschen und Bewerten kann eine Welt mit begrenzten Ressourcen für Milliarden Menschen nicht existieren. Maßvolle Realwirtschaft ist unverzichtbar und sinnstiftend. Es ist der Geldkapitalismus, der mächtige Helfer der Entwicklung, der scheinbar treue Diener guter Zwecke, der an die Kette gelegt werden muss wie ein starker, aber gefährlicher Hund. Denn seine Natur ist ungebrochen; es ist die eines Wolfes, der töten kann.

Die Sünden, die diesen Hund scharf machen und loslassen, sind schnell benannt:
Gier, Geiz, Hoffart, Neid. Man kennt sie lange, Todsünden heißen sie völlig zu Recht: aber wer möchte heute noch in staubigen Bücher lesen, alten bärtigen Männern zuhören? Nachvollziehbar, doch die Wahrheit bleibt bestehen. Manchmal kommt sie ja aus Kindermund, Töchtermund: Greta, Malala.

Die Werkzeuge zur Folter und Unterwerfung der Menschen in diesem orgiastischen, nicht mehr kontrolliertem Geschehen seien hier ebenfalls summarisch aufgelistet: Kriege, wechselnd als Religions-, Befreiungs-, Res-sourcenkriege bezeichnet. Selten nennt man sie bei ihrem wahren Namen: Raubkrieg.
Ausbeutung der Arbeitskraft Anderer, Selbstausbeutung, Ausbeutung der Ressourcen bis zur Neige, bis zu Artensterben, Zuchttier- und Agrarindustrie, Abholzung, Landraub, Bodenvergiftung, Klimakatastrophen, Irrsinn der Energiegewinnung oder vielmehr -vergeudung.

All das hat schon früh und zunächst klein begonnen. In Polen wurde jüngst ein urzeitliches Massengrab aufgefunden, die Toten, Frauen und Kinder, wurden alle auf gleiche Weise erschlagen. Die Täter waren Stam-meskrieger der benachbarten, aggressiven Räuberkultur auf der Jagd nach Ressourcen.
Die nächste Todsünde Mord also. Der Massenmord bis hin zum Genozid, zur Shoah, ist die unausweichliche Folge auf diesem Pfad. Die Mörder getrieben von irrationaler, eigener Todesangst, verfallen der Illusion von Ewigem Leben in Reichtum und vermeintlicher Sicherheit. „Macht Euch die Erde untertan“ hieß es einst, heutiges Wirtschaften ist die Perversion davon.
Dieses Virus, viel heimtückischer noch und tödlicher als Corona, hat heute fast die ganze Menschheit erfasst. Es gibt viele Patienten 0, inzwischen viele Cluster. An den Börsen der Welt wuchern die schlimmsten hotspots. Sie, als erstes, müssten streng isoliert werden.

Die kapitalistische „Logik“ - ich muss Anführungszeichen setzen, denn es ist Wahnsinn, Irrwitz - steht hinter den schlimmsten Exzessen: der Verwertung menschlicher Leichen mit Haut und Haar, der Tötung „unproduk-tiven Lebens“ (im Elsass werden Alte gegenwärtig euthanasiert!), ebenso wie hinter der aktuellen, schlagartigen Verteuerung medizinischen Geräts oder nötiger Pharmaka. Das Narkosemittel Propofol, unerlässlich zum Intubieren, erlebte jüngst eine Steigerung von 1 auf 20 Euro pro Einheit. Sie steht auch hinter der Ab-hängigkeit von Arzneien aus China.
Die Gewinner dieses Handels mögen sich nicht täuschen: sie könnten, früher als gedacht, auf der Anklagebank sitzen, nicht immun gegen Strafe. Und auch nicht gegen Corona.

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
ohne Grund geht in der Welt,
geht zu mir.

Wohin gehen die Menschen? Die Gewinner, die Verlierer? So unterschiedlich, doch alle im gleichen Schritt. Auf alten Fresken sieht man es allegorisch gemalt, in Bergmans „Das Siebte Siegel“ gefilmt: der Tod erwartet sie alle, Reiche, Arme, Täter, Opfer. Die ganze Welt tanzt, der Tod in und mit ihr. Mit dem Einen sanft, mit dem Anderen grausam wild - ihm gelten Alle gleich.

Daran ist nicht zu rütteln, das ist nicht zu fürchten. Bachs Choral vom Sterben ist tröstlich, geradezu heiter. Nein, zu fragen ist nach dem Leben vorher, dem Guten Leben für alle. Nur so können wir, jeder für sich, einst guten Gewissens gehen, weggehen aus dieser Welt. Kein Gericht im Jenseits kann einem Mordopfer Gerechtigkeit schaffen, einem Mörder Strafe und Buße. Das muss die Gesellschaft schon selbst tun.

Wohin sollen sie gehen, die Vertriebenen, die Flüchtlinge vor den Kriegen in Vorderasien und Afrika? Wohin, die Zeltbewohner der Insel Lesbos? Will man warten, bis sie das Virus dezimiert?
Wohin konnten die Bewohner der Ghettos von ehedem, wer nahm sie auf? Wohin aus den Armenvierteln von New York, Detroit, Rio de Janeiro? Wohin, die landlosen Bauern und Fischer Afrikas? Wohin, die ruinierten Unternehmer, die Arbeitslosen, ausmanövriert von Corona, oder besser gesagt, von den vorhersehbaren - oder sollte ich sagen: vorgesehenen - Folgen?

Wer nicht mehr flüchten kann, aus dem Lager, aus dem Altersheim: wohin?
Der große Moloch Kapitalismus antwortet kalt und gleichmütig:
In den ohnehin unvermeidlichen Tod. Oder auf den Sklavenmarkt.

Wer dazu schweigt oder ja sagt, der wird mitschuldig am großen Morden, am trostlosen Leben. Auch diese Sünde hat einen Namen, und sie war und ist weit verbreitet. Entsolidarisierung.
Die Entsolidarisierung ist „Der Mord, den jeder begeht“. Sie ist die Erbsünde der Mitläufer, allgegenwärtig in jeder Krise, im 3. Reich („Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn ich war kein Kommunist....“), sie hat sich auch jetzt schon zur Genüge gezeigt. Die angeblich zur Union vereinten Staaten Europas und das Gründungsmitglied Italien? Erbärmliche Bilanz. Ärzteteams kommen aus Russland, China, Ku-ba. Donald Trump fantasiert derweil von Zigtausenden Beatmungsgeräten, die man dann „unseren Freunden“ geben kann. Zu welchem Preis? In Dollars berechnet oder in Wohlverhalten?

Wie so viele Andere bin ich, freier Künstler, EPU. Seit 2. März kein Umsatz. Ja, es gibt Soforthilfe, € 1.000.- gleich, vielleicht später mehr. Wir alle werden danach dafür aufkommen müssen. Im Einzelfall springen die Verwandten ein, vielleicht ein Mäzen. Doch mir ist Anderes noch unangenehmer, unheimlicher: der Verteilungskampf, der sich jetzt zu verschärfen droht. Ich spreche vom unbedingt präsent bleiben im Internet, um danach noch populär zu sein, vom Journalisten, der ein Interview verkauft, ohne den Gast zu beteiligen. Vom Fixangestellten im Kulturbetrieb, der auf höchstem Niveau über Kurzarbeit klagt. Vom (Musik)Professor, der nicht einmal Fernunterricht anbietet, bei vollem Bezug.
Von Hamsterern und Preistreibern. Von unbeugsamen Vermietern, Freunden der Dividende und den Richtern über „unrentable Betriebe“ - das sind alle jene ohne Dividende. Gelebte Solidarität hieße auch: kräftige Boni (25 % als Minimum!) für Personen unter Sonderbelastung. Die Quelle wären zB Spitzengehälter stillliegender Industrien und Großinstitutionen, Zinsen der enormen Vermögen.

Wohin also gehen wir, als Menschheit jetzt? Wohin treibt die Welt? Quo vadis, mundo?
Nur für Wiener: was wird aus dem sprichwörtlichen kleinen Mann, dem Mundl?

Der kapitalistische Wahnsinn bietet die üblichen Szenarien. Massenarbeitslosigkeit mit allen möglichen Folgen: Unruhen, Repression, Bürgerkrieg. Zur Kanalisierung und Dezimierung noch mehr Kriege, samt Wiederaufbaugewinnen. Sage keiner, ich sei Schwarzmaler, es geschieht ja alles bereits. Noch gesteigerte Umverteilung von unten nach oben. Dies mündet letztlich in in einem feudalen Gesellschaftsmodell: Kö-nig/Oligarch, Adel, Landbesitzer, Beamte, Professionisten, Hofnarr, Söldner. Vielleicht winkt auf dieser Stufe auch dem kleinen Mann ein Stück vom Kuchen, ein etwas höherer Status; und wenn es ein Job als Security ist, am Flughafen oder nur in der Wiener U-Bahn.
Darunter der große Rest, die 95%. Nicht unbedingt im Elend, vielleicht mit prekären Jobs, oder mit dem Nötigsten alimentiert, um den Konsum zu erhalten. Man kann sich deren Lebensstandard - immerhin! - in etwa wie in der verblichenen DDR vorstellen. Ich wäre davon zu überzeugen, unter der Bedingung, dies stün-de auch jedem Afrikaner und Inder zu, der das wollte. Wer hier nicht mitkann oder will, wäre verzichtbar. - Dieser Weg scheint den Machteliten offenbar gangbar, vielleicht sogar unvermeidlich und richtig.
Aber: Die Ausbeutung der Erde ginge dabei selbstverständlich ungebremst weiter, und mündet in der finalen Katastrophe, die alle trifft. Dieses Szenario müsste auch den Eliten als irrsinnig und untragbar einleuchten. (Geschichte und Gegenwart beweisen leider: Status verleiht vermeintliche Sicherheit. Unbelehrbarkeit ist die Folge: Jair Bolsonaro.) Es führt unweigerlich zu ihrem blutigen Sturz, zur Revolution wie 1789 oder 1917. „The End of History“ würde - wieder einmal fälschlich - proklamiert, und der Kreislauf wiederholt sich.

Es gibt somit nur eine richtige Vision, nach der sofort zu handeln ist: Umbau des weltweiten Wirtschaftssys-tems nach gerechten, nachhaltigen und umweltfreundlichen Grundsätzen, Rückbau jeder Ressourcenver-schwendung auf ein humanes, tierfreundliches und schonendes Maß. Ende der weltweiten Überbevölkerung durch Aufklärung.
Die Erde verzeiht und erholt sich. Es gibt angemessene Grundversorgung für ausnahmslos alle, Zuverdienst möglich. Wir können das Wort Sozialismus allzu sensiblen Gemütern zuliebe zunächst auch vermeiden. Was wäre am Sozialen aber so furchterregend? Es ist ja ohnehin allgegenwärtig: ohne soziale Kompetenz und Gerechtigkeit gedeiht kein Staat, keine Familie, keine Paarbeziehung.

Nur so kann das Gute Leben für alle Wirklichkeit werden. Andernfalls holt uns alle, ausnahmslos, nicht nur der Tod, sondern Schlimmeres, der Teufel, vielleicht in Gestalt der nächsten Pandemie.
Wie sagte ein Pfarrer im lombardischen Seriate gestern in seiner Kirche, vor den 80 Särgen, die dort aufgereiht waren: „Signore, dove sei?“
Der Eine, einzige, liebe und gerechte Gott, von dem so viele erzählen: er ist in uns Menschen, allen. Oder er ist nirgendwo.

Zuletzt noch: diese Krise bietet tatsächlich eine Chance zum Lernen. Lasst uns Solidarität üben, durch die Isolation, aber vielmehr noch: in der Isolation durch vermehrte, tiefere, wahrhaftigere Beziehungen, und poli-tische Klarsicht. Kein Mensch ist eine Insel.

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
ohne Grund stirbt in der Welt:
sieht mich an. (Rainer Maria Rilke)

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